Junge Menschen protestieren in mehreren europäischen Ländern – die Schweiz bleibt ruhig
In Frankreich, Belgien, Albanien und weiteren Ländern gehen Jugendliche gegen hohe Lebenshaltungskosten, Missstände im Bildungswesen und Korruption auf die Strasse. Teils eskalieren die Proteste mit Gewalt und Sachbeschädigungen.
In Frankreich begannen die Proteste mit Schülerinnen und Schülern, die Schuleingänge blockieren und gegen fehlende Lehrpersonen, überfüllte Klassen und marode Gebäude demonstrieren. Aus dem Ärger über den Schulalltag wurde eine breitere Bewegung, der sich Gewerkschaften und weitere Unzufriedene anschliessen. Premierminister Sébastien Lecornu sagte, die Ausgangssperren hätten die Lage inzwischen beruhigt. Für Samstag mobilisiert auch die Gelbwestenbewegung erneut. In Mailand eskalierte am Wochenende eine Demonstration gegen die hohen Lebenshaltungskosten. In Albanien brennen in Tirana ein Regierungsgebäude und zwei Banken; die Jugend protestiert gegen steigende Bildungskosten, Korruption und ein umstrittenes Luxusresort an der Küste. In Belgien blockieren Jugendliche Schuleingänge gegen Sparmassnahmen im Bildungswesen, in Spanien und Portugal errichten Menschen Protestcamps, weil sie sich das Wohnen nicht mehr leisten können.
Protestforscherin Michelle Beyeler von der Universität Zürich und Nina-Kathrin Wienkoop von der Universität Göttingen sehen in vielen Ländern ähnliche Ursachen: hohe Lebenshaltungskosten, soziale Ungleichheit, Wohnungsnot und fehlende Zukunftsperspektiven. Junge Menschen fühlten sich politisch zu wenig gehört. Der Politikwissenschaftler Marco Giugni nennt zudem wirtschaftliche Unsicherheit, die Klimakrise und Kriege als mögliche gemeinsame Auslöser. Soziale Medien beschleunigten die Mobilisierung stark: Videos von Demonstrationen, Blockaden und Ausschreitungen werden auf Tiktok, Instagram und X millionenfach angeklickt. Aufrufe zu Protesten erreichen innert kurzer Zeit Hunderttausende. In Deutschland wurde eine Demonstration für den 31. Oktober angekündigt.
Ausschreitungen können einer Bewegung zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffen, ihr aber auch schaden. Werden sie zu exzessiv, gehe das Inhaltliche unter, sagt Beyeler. Wienkoop betont, dass repressives Vorgehen der Polizei und fehlende Dialogangebote die Lage verschärfen können. Regierungen hätten im Prinzip zwei Möglichkeiten, Repression oder Zugeständnisse; meist sei es eine Kombination aus beidem.
In der Schweiz bleibt es laut dem Politikwissenschaftler Marko Kovic ruhig, weil die Protestkultur hier deutlich weniger ausgeprägt ist. Die Gewerkschaften setzten auf Sozialpartnerschaft und die Friedenspflicht statt auf Streiks als Druckmittel. Zudem wirke die direkte Demokratie als Ventil, da die Bevölkerung über Initiativen und Referenden direkt mitwirken könne. Grossflächige Proteste erwartet Kovic nicht. Anfällig sei vor allem die Westschweiz: Denkbar sei, dass einzelne junge Männer sich von den französischen Ausschreitungen inspirieren liessen.
Quellen
20 Minuten: Europas Jugend protestiert – warum bleibts in der Schweiz ruhig?
20 Minuten: Die Welt brennt – wo und warum, zeigt dir diese Karte
20 Minuten: «Ihre Zukunft ist massiv bedroht»: Daher kommt die Wut der Jungen
zentralplus: «Proteste haben gemeinsame Nenner»
SRF News: Von Frankreich bis Albanien – Warum Proteste ansteckend sein können
Blick: Wo und warum die Jugend auf die Strasse geht